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Erster Rundbrief von Uli Purrer aus Tumaco:Absurde Gleichzeitigkeiten

Pater José Gabriel, Ulrike Purrer und Bruder Diego (v.l.n.r.).
Datum:
15. Juni 2026
Von:
Carina Delheit

Nun bin ich schon fast ein halbes Jahr hier und will Euch doch endlich mal ein bisschen mit hineinnehmen in diese spannende neue Mission.

Die ersten Wochen waren unheimlich intensiv, und auch wenn es durchaus ein paar Analogien zu Tumaco gibt, ist es doch eigentlich alles ganz anders. Kolumbien ist eben nicht nur ein sehr großes, sondern auch ein extrem vielseitiges Land. Das ist mir durch diesen "Umzug" über 1.000 km hinauf an die Atlantikküste einmal mehr bewusst geworden.

Absurde Gleichzeitigkeiten

Cartagena ist ein Ort der Gegensätze, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe. Vor fast 500 Jahren von den Spaniern gegründet, war die Hafenstadt bis ins 19. Jh. hinein ein Zentrum des transatlantischen Sklavenhandels. Heute ist die Millionenmetropole mit ihrer kolonialen Altstadt UNESCO-Weltkulturerbe, Universitätsstadt und beliebtes Tourismusziel.

Doch Cartagena gehört auch zu den Städten mit der größten Einkommens- und Vermögensungleichheit des Kontinents. Klimatisierte Einkaufszentren, Luxushotels und Privatstrände, opulente Wohnanlagen mit eigenen Sportplätzen und Eliteschulen befinden sich in unmittelbarer Nähe zu Stadtvierteln und Vororten, die noch immer ohne fießend Wasser und Abwassersystem, ohne öffentlichen Nahverkehr und Gesundheitsversorgung auskommen müssen.

Ich lebe gemeinsam mit zwei Jesuiten in Punta Canoa, einem dieser afrokolumbianischen Dörfer, nur 30 km außerhalb und doch eine kleine Weltreise entfernt von den Angeboten der pulsierenden Stadt. Zum Strand sind es nur wenige Minuten - eigentlich ein Traum, doch werden hier alle Abwässer der Millionenstadt ins Meer geleitet, so dass der Tourismus bisher noch auf sich warten lässt. Fluch oder Segen?

Unsere Nachbarn, ehemalige Fischerfamilien, sind schlecht bezahlte Haus- oder Hotelangestellte der zugezogenen Neureichen, ohne nennenswerte Aufstiegschancen und in jeglicher Hinsicht abgehängt. Der einzige Bus, der unser Dorf anfährt, bringt sie zwar alle rechtzeitig zur Arbeit in die benachbarten Wohn- und Hotelanlagen. Doch wer - ohne eigenes Fahrzeug - in die Stadt muss (oder möchte), ist zwei Stunden unterwegs.

Außerdem bringt dieses unglaubliche Nebeneinander von Armut und Reichtum natürlich auch Drogenhandel, Sextourismus u.v.m. mit sich. Hier in Punta Canoa, in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, ist vor wenigen Monaten eine Nobel-Finca aufgeflogen, deren Besitzer im großen Stil Kinderprostitution betrieben haben. Verhaftet wurden eine Frau und fünf Männer, darunter ein deutscher Staatsbürger.

Team im Pfarrhaus

In diesem Umfeld lebe und arbeite ich nun also zusammen mit dem Jesuitenpater José Gabriel (64 J.) und dem Jesuitenbruder Diego (45 J.). Beide sind Kolumbianer, aber selbst auch erst vor einem Jahr in unsere Casa Misión eingezogen, ein buntes Pfarrhaus mit offenen Türen für Essens- und Übernachtungsgäste, für Jugendliche auf der Suche nach WLAN und die Fußballmannschaft des Dorfes, für die Mädels der Tanzgruppe oder ehrenamtliche ältere Damen der Gemeinde. Es ist also immer etwas los!

Ich habe ein schönes eigenes Zimmer im 1. OG. Da kann ich mich bei Bedarf zurückziehen, aber wir versehen uns wirklich gut, schmeißen den Haushalt miteinander (Diego ist ein souveräner Koch) und unterstützen uns gegenseitig in der Arbeit. Als Dreierteam sind wir für fünf Dörfer zuständig, und ergänzen uns in unserer Unterschiedlichkeit auf sehr erfrischende Weise. Während José Gabriel eher die klassisch pastoralen Aufgaben wie Katechese, Seelsorge und Gottesdienste übernimmt, verbringt Diego seine Zeit mehrheitlich mit den Kindern und Jugendlichen auf dem Bolzplatz. Sein Ansatz ist der Sport und eine Art Streetwork.

Und ich? Meine offizielle Stellenbeschreibung lautet: Pastorale Mitarbeiterin für Empowerment afrokolumbianischer Gemeinden. So bin ich also im Gespräch mit den Leuten dabei zu verstehen, worin dieses Empowerment konkret bestehen könnte, was sie wirklich brauchen und mit wem wir uns strategisch zusammentun sollten.

Bisher baue ich mit ein paar jungen Frauen zwei Kindergruppen auf, leite gemeinsam mit Diego eine Jugendgruppe, begleite die Fortbildung unserer ehrenamtlichen Frauen, mache Kranken- und Trauerbesuche, übernehme auch mal liturgische Aufgaben, unterrichte die 10. und 11. Klasse in unserer kleinen Dorfschule im Fach Ethik und Werte und versuche, im Rahmen dieser niedrigschwelligen Aufgaben die Fühler auszustrecken nach weiterführenden, strukturverändernden Optionen. Dabei denke ich an explizite Präventionsarbeit angesichts des enormen Prostitutionsbusiness, juristische Beratung im Zusammenhang mit den Landkonflikten zwischen Immobilienfirmen und den traditionellen Gemeinden oder auch kollektive Formen des Widerstands gegen die vielen Formen moderner Sklaverei.

Strukturelle Gewalt

Wir Ihr merkt, ist das hier doch eine Umstellung. In Tumaco waren einfach alle Menschen arm, Schwarz und Opfer der bewaffneten Gewalt. Da war vollkommen klar, wo man stand. Hier in Cartagena ist das anspruchsvoller. Die Konfliktlinien von Klassismus, Rassismus und Ausbeutung verlaufen mitten durch unser Dorf, durch meinen Alltag, durch die Strukturen, in denen ich mich bewege. Da stellt sich jeden Tag aufs Neue die Frage: Wie positioniere ich mich? Wo müssen wir, auch als Kirche, Unrechtsstrukturen hinterfragen? Und wie können wir substanzielle Veränderungen anstoßen?

Wie herausfordernd das sein kann, zeigt vielleicht die folgende Tragödie: Der 17-jährige Antony stammt aus einer einfachen afrokolumbianischen Familie und ist hier in Punta Canoa aufgewachsen. Gemeinsam mit seinem Bruder ist er nach der Schule oft über den Zaun zum benachbarten Wohnpark geklettert, um dort auf dem Golfplatz die in den Teich gefallenen Golfbälle aus dem Wasser zu fischen und den Besitzern gegen einen kleinen Obolus zurückzugeben. So haben sich die Jungs ihr Taschengeld aufgebessert. Doch Mitte April 2026 schritt auf einmal der Wachmann der Anlage ein und erschoss den unbewaffneten Antony im Golfteich vor den Augen seines Bruders!

Das Dorf war natürlich im Ausnahmezustand. Einige Tage schien die Spannung zwischen der Bevölkerung von Punta Canoa und dem benachbarten Wohnpark außer Kontrolle zu geraten. Auch die nationale Presse berichtete darüber. Eine renommierte Menschenrechtsorganisation nahm Kontakt zu uns auf, bot institutionelle Unterstützung an. Ich besuchte regelmäßig die Familie, zunächst nur seelsorgerlich, doch dann auch mit dem Angebot einer juristischen Begleitung. Außerdem hatten wir inzwischen ein unmissverständliches Transparent über der Kirchentür angebracht: Das Leben muss immer verteidigt werden, weil es an die Verteidigung jeglicher Menschenrechte geknüpft ist. (Papst Franziskus)

Die Familie war dankbar für unseren Beistand, aber sie wollte keine juristische Unterstützung, kein Aufsehen, und auch das Dorf ging nach zwei Wochen wieder zum Alltag über. Man hatte sich finanziell "geeinigt" und uns höflich gebeten, nichts weiter zu unternehmen. Klar, jene Nachbarn aus Punta Canoa, die überhaupt eine feste Anstellung haben, arbeiten im Wohnpark. Sollen wir uns etwa gegen den erklärten Willen der von diesen Arbeitsplätzen abhängigen Familien für Aufklärung und Gerechtigkeit im Fall Antony einsetzen und damit das Vertrauen der gesamten Nachbarschaft aufs Spiel setzen? - Es ist komplex.

Frauennetzwerk

Über die Arbeit hier in Cartagena hinaus, haben mir die Jesuiten als meine Partnerorganisation noch eine weitere Aufgabe zugedacht:

Bereits im letzten Jahr hatten sie mich in das dreiköpfige Koordinationsteam ihres Frauennetzwerks berufen. Gemeinsam mit der Dekanin der Theologischen Fakultät der Jesuitenuniversität in Bogotá und einer sehr erfahrenen Psychologin auch aus Bogotá koordiniere ich also auf gesamtkolumbianischer Ebene die Arbeit mit und für Frauen. Es geht um Gendergerechtigkeit, mehr Partizipation in kirchlichen und gesellschaftlichen Strukturen, Gewaltprävention u.v.m. Die Aufgabe ist riesig und so "nebenbei" eigentlich kaum zu leisten, aber ich habe sie trotzdem gern angenommen.

Nach etlichen Jahren in der Jugendarbeit werde ich mich also in Zukunft viel mehr auf Erwachsenenbildung und v.a. die Frauen konzentrieren. Das freut mich sehr, denn es passt ja nicht nur zu meiner eigenen Lebensphase und ist sicher ein wertvolles Plus für die Jesuiten als Männerorden, sondern es entspricht auch den realen Bedürfnissen vor Ort. Immerhin sind es die Frauen, die auch hier in Cartagena die afrokolumbianischen Gemeinden zusammenhalten und doch gleichzeitig am meisten unter Gewalt, Missbrauch und Ausbeutung leiden. So freue ich mich darauf, hoffentlich gemeinsam an dieser Aufgabe wachsen zu können.

Stichwahl

Politisch befindet sich Kolumbien derzeit in einer besonders spannenden und gleichzeitig sehr angespannten Situation. Begleitet von enormer Polarisierung und Gewalt hat der erste Urnengang der Präsidentschaftswahlen noch keinen Sieger hervorgebracht. Stattdessen gehen wir Ende Juni in eine Stichwahl. Einmal mehr ist die historische Spaltung des Landes mit Händen zu greifen: Während die Küsten- und Randgebiete sowie die vom bewaffneten Konflikt besonders betroffenen Regionen hinter dem Mitte-Links-Kandidaten Iván Cepeda stehen, favorisieren die wohlhabenderen Regionen im Landesinneren den ultrarechten Kandidaten Abelardo de la Espriella, dessen politische Vorbilder die autoritären Präsidenten Nayib Bukele aus El Salvador und Javier Milei aus Argentinien sind. Es wird auf ein extrem knappes Ergebnis hinauslaufen, wobei im Falle eines Sieges von Abelardo de la Espriella eben nicht nur die Fortsetzung dringend notwendiger Sozialreformen, sondern auch der Friedensprozess auf dem Spiel steht. Die Sorge ist entsprechend groß!

Hier in Cartagena gehen die politischen Meinungen aufgrund der enormen sozialen Ungleichheit von Stadtviertel zu Stadtviertel extrem auseinander. Insofern bleibt zu hoffen, dass der zweite Wahlgang am 21. Juni möglichst friedlich über die Bühne geht.