Von der „Mütterschule“ zum Ort gelebter Vielfalt:70 Jahre Familienbildung in Mönchengladbach

Seit 70 Jahren ist sie ein fester Bestandteil der Begegnung und des Lernens: die Familienbildungsstätte Mönchengladbach Arbeitskreis katholische Familienbildung gGmbh. Am 20. Juni wird von 11 bis 20 Uhr ein großes Familienfest gefeiert unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Felix Heinrichs und Pfarrer Klaus Hurtz. Auch Bischof Helmut Dieser hat seinen Besuch zugesagt und feiert um 18 Uhr einen Gottesdienst.
Ein radikaler Wandel des Familienbildes
In den Gründungsjahren der Nachkriegszeit war das Ziel der Familienbildungsstätte (FBS), die als „Mütterschule“ in Rheydt ihren Anfang nahm, klar definiert. Es ging um praktische Hilfe im Alltag: „Wie kochen wir mit den wenigen Sachen, die wir haben?“. Das damalige Familienbild war klassisch geprägt: Die Mutter war zuständig für die Versorgung der Kinder und des Haushalts. Heute, so berichtet Geschäftsführerin Bianca Heintges, sieht das Bild gänzlich anders aus. „Wir denken Familie heute sehr viel vielfältiger und divers“, erklärt sie. Ob Alleinerziehende, Regenbogenfamilien oder Patchwork-Modelle – die FBS möchte mit ihrer Arbeit alle Familienformen unterstützen. Auch das Vaterbild hat sich gewandelt: Seit vielen Jahren gibt es spezielle Angebote für Väter, die laut Heintges ein völlig neues Verständnis ihrer Rolle innerhalb der Familie mitbringen.
Flexibilität als Antwort auf moderne Herausforderungen
Nicht nur die Nutzerinnen und Nutzer der Angebote haben sich verändert, sondern auch die Art und Weise, wie sie genutzt werden. Die klassischen Kurse, die beispielsweise über Monate jeden Freitagmorgen stattfinden, verlieren mehr und mehr an Bedeutung. Menschen von heute benötigen Flexibilität, um die Vielfalt an Aufgaben und Terminen im Alltag zu meistern, weiß die Diplom-Pädagogin.
Die FBS reagiert darauf mit Einzelveranstaltungen, aber auch mit offenen Treffs, die einen unverbindlichen Besuch ermöglichen. Zudem ist die Einrichtung „dezentraler“ geworden: Um die Menschen dort zu erreichen, wo sie leben, kooperiert die FBS mit über 50 Familienzentren, Einrichtungen und weiteren Partnern im gesamten Stadtgebiet. Damit bleibt das Angebot nah an den Lebensorten und -realitäten.
Zwischen „Dauerbrennern“ und neuen Bedarfen
Trotz aller Neuerungen gibt es Klassiker, die seit Jahrzehnten Bestand haben. Koch- und Nähkurse sind nach wie vor „Dauerbrenner“. Manche Gruppen kochen oder nähen dort bereits seit 40 Jahren gemeinsam. Denn: „Es geht nicht nur um das Erlernen von Inhalten, sondern auch um Gemeinschaft, Austausch und das Gefühl, gesehen zu werden“, betont Heintges. Gleichzeitig greift die FBS aktuelle Themen auf:
• Elternstart NRW: Ein kostenfreies Angebot für Eltern mit Babys im ersten Lebensjahr.
• Interkulturelle Gruppen: Fünf Gruppen bieten wöchentlich Raum für Beratung, Austausch und Integration.
• Themenabende: Praktische Hilfe für Eltern in Familienzentren zu Fragen wie „Mein Kind schläft nicht“ oder zur Medienkompetenz.
• Nachhaltigkeit: Im Rahmen der Fairen Woche wurde ein Frühstück mit geretteten Lebensmitteln angeboten.
• Demokratie: Eine Wanderausstellung gegen Rassismus war in der FBS zu Gast und hat neue Themen angestoßen.
Ein schwieriger Spagat für die Zukunft
Trotz der hohen Nachfrage – allein im Jahr 2025 verzeichnete die FBS über 18.000 Unterrichtsstunden mit mehr als 6600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern – steht die Einrichtung vor großen Herausforderungen. Drastische Finanzierungskürzungen durch das Land NRW erschweren es, weiterhin viele kostenfreie Angebote aufrechtzuerhalten. Für Bianca Heintges, die selbst als Kind in der FBS „aufgewachsen“ ist, bleibt der Kern der Arbeit dennoch unverändert: Es geht um eine christliche Haltung, die auf Nächstenliebe und Chancengleichheit basiert. Die FBS soll auch in Zukunft ein Ort sein, an dem Menschen in jeder Lebensphase Unterstützung und Begegnung erfahren.