„Flagge zeigen, wenn Menschen trauern“: Wie kirchliche Seelsorge im Netzwerk neue Wege geht:Glaube, Gemeinschaft und Vernetzung in der Region Heinsberg

In den dunkelsten Momenten des Abschieds suchen viele Menschen Halt und Orientierung. Brigitta Schelthoff, Gemeindereferentin und Trauerseelsorgerin in der Region Heinsberg, spricht über die Bedeutung starker Netzwerke, innovative Angebote für verwaiste Eltern und die Begleitung nach Suizidfällen in der Region Heinsberg.
Kirchliche Präsenz in schweren Zeiten
Der Verlust eines geliebten Menschen hinterlässt oft Schmerz und Orientierungslosigkeit. Für Brigitta Schelthoff, seit 1998 im Dienst des Bistums und seit 2001 Gemeindereferentin, ist Trauerbegleitung eine Herzensaufgabe. Ihre Erfahrungen in der Systemischen Beratung und der Internetseelsorge sowie Zusatzqualifikationen in Trauerarbeit und Suizidbegleitung prägen ihre Arbeit. „Wir als Kirche müssen Flagge zeigen, wenn Menschen trauern. Sie dürfen in dieser schweren Zeit nicht allein bleiben“, betont sie. Dabei spielt das kirchliche Label für die Betroffenen meist eine untergeordnete Rolle: „Wichtig ist, dass sie Unterstützung finden und in einer schwierigen Lebensphase nicht allein sind.“
Ein starkes Netzwerk für die Region
Zweimal im Jahr trifft sich die regionale katholische Trauerkonferenz, um Bedarfe zu klären und neue Angebote zu entwickeln. „Meine Aufgabe sehe ich darin, dass wir voneinander wissen, damit wir auch aufeinander verweisen können“, erklärt Schelthoff. In der Region Heinsberg arbeiten kirchliche, ökumenische und weltliche Initiativen im Netzwerk für Palliativ-, Hospiz- und Trauerarbeit eng zusammen. Ambulante Hospizdienste in Geilenkirchen und Wassenberg, das Stationäre Hospiz der Hermann-Josef-Stiftung in Erkelenz, das Kreisgesundheitsamt, die Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger, die Palliativstationen der Krankenhäuser und die Bestatter bilden ein dichtes Netzwerk.
Vielfältige Unterstützungsangebote
Trauer ist so individuell wie die Schicksale, die sie auslösen. Das Netzwerk reagiert daher auf verschiedene Bedürfnisse und berät gemeinsam neue Angebote. Hierzu zählen:
- Rückbildungsgymnastik für Sternenmamas: Gemeinsam mit dem Katholischen Forum entstand ein Rückbildungskurs für Mütter, die ihr Kind vor, während oder kurz nach der Geburt verloren haben. Abseits regulärer Kurse bietet er einen geschützten Raum.
- Trauergruppen nach Suizid: Die Nachfrage nach Begleitung nach einem Freitod ist stark gestiegen und führt mittlerweile zu langen Wartelisten. Da Betroffene eine ganz spezifische Form der Aufarbeitung benötigen, werden hierfür eigene, getrennte Gruppen mit besonders ausgebildeten Begleiterinnen und Begleitern angeboten.
- Geschützte Räume: In Einzelbegleitung und in festen Trauergesprächsgruppen erfahren Teilnehmende absolute Verschwiegenheit, damit Schmerz offen geteilt werden kann.
- Informationsveranstaltungen: Zum Welthospiztag zeigte das Netzwerk den Film „Sechswochenamt“ in zwei Kinos und lud zum Austausch ein. Für das kommende Jahr sind Vorträge zu Themen wie Sterbefasten, Patientenverfügungen und Bestattungsvorsorge geplant.
Wenn die Worte fehlen
Neben klassischen Gesprächsgruppen und niederschwelligen Formaten wie dem Feierabendtreff „Memento“, Kaffee-Initiativen oder dem freitäglichen Podcast „Für dich da“ setzt die Trauerseelsorge in der Region Heinsberg auch auf kreative Wege: Mit dem preisgekrönten Projekt „Wenn die Worte fehlen, bleibt die Musik“ begleiten etwa Musikinstrumente wie Veeh-Harfen den Trauerprozess. Der Weg durch die Trauer braucht vor allem Zeit und Ausdauer. Wie Schelthoff betont: „Jede Träne, die fließen darf, ist auch heilsam“. Während der anfängliche Schmerz oft wie ein riesiger schwarzer Berg empfunden werde, helfe die Gemeinschaft in der Gruppe dabei, gelöster und gestärkt nach vorne zu blicken