Pfadfinder*innenarbeit zwischen Kinderschutz und echten Erfahrungen:Mehr als nur Knoten und Zelte

Ein Abend im Aachener Süden: Das Ungewöhnliche ist nicht das Thema, sondern die Stille der mobilen Geräte. Niemand blickt auf ein Display. In einer Welt ständiger digitaler Erreichbarkeit wirkt diese Szene fast anachronistisch. Doch wer die Begegnung zwischen den Leiterinnen und Leitern der Deutschen Pfadfinder*innenschaft St. Georg (DPSG), der Pfadfinderinnenschaft St. Georg (PSG) und Bischof Helmut Dieser während seiner Visitation des Pastoralen Raumes Aachen-Kornelimünster/Roetgen beobachtet, erkennt schnell: Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um Werte und Herausforderungen moderner Kinder- und Jugendarbeit. Im Gespräch ging es um Selbstwirksamkeit, Prävention und die Sehnsucht nach Menschlichkeit und echter Begegnung. Die Wurzeln der Pfadfinder*innenschaft liegen im 20. Jahrhundert, einer Zeit strenger Geschlechtertrennung, doch heute bieten die katholischen Verbände moderne Erfahrungsräume für eine Gesellschaft im Wandel.
Das Versprechen der Gemeinschaft: „Kommen, wie man ist“
Kinder müssen heute oft liefern: im Sportverein Tore, in der Schule Noten. Die Gemeinschaft der Stämme – „Knolle“ (Kornelimünster), Venwegen Óle Óle, „Vennfüßler“ (Schleckheim) und „KoBra“ (Kornelimünster-Brand) – versteht sich dem gegenüber als „leistungsfreie Räume“. Sie nehmen jedes Kind ohne Vorleistungen an. Es ist das urchristliche Prinzip: „Kommen, wie man ist“. Im Schutzraum der Pfadfinder*innengemeinschaft erfahren Kinder echte Selbstwirksamkeit. Wenn Zehnjährige nach einem Crashkurs in Orientierung und Erster Hilfe auf einen „Hajk“ geschickt werden – den ersten Schritt aus der Haustür und die 10.000 Schritte danach allein bewältigen müssen –, dann ist das Selbständig-Werden im Schnelldurchgang. Während die Leiterinnen und Leiter zu Hause mit „gekreuzten Fingern“ am Notfalltelefon sitzen und hoffen, dass es nicht klingelt, lernen die Jugendlichen, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung wird nicht doziert, sondern praktisch gelebt: im Zeltlager, beim Tannenbaumverkauf oder beim Sammeln von Altpapier. Auch die Inhalte von Gruppentreffen richten sich nach den Interessen und Wünschen der Kinder und Jugendlichen. Denn Mitentscheiden und Mitgestalten sind wichtige Prinzipien der Arbeit.
Die Pflicht zur Prävention
Prävention ist heute eines der Fundamente katholischer Kinder- und Jugendarbeit. Bischof Helmut Dieser findet klare Worte: „Wir haben in einen so tiefen Abgrund geschaut, als ob von der Kirche nichts mehr übrigbliebe.“ Aus diesen Erfahrungen ist eine konsequente und kompromisslose Kultur des Hinsehens entstanden.
Die Pfadfinder*innenverbände möchten sichere Orte für Kinder und Jugendliche sein. Auch, wenn das bedeutet, dass man Ehrenamtlichen dadurch zusätzlichen, zeitlichen Aufwand für Schulungen usw. zumutet. Darin, so hofft Bischof Dieser, könnte auch die Chance liegen, Standards zu setzen, die auch in Schulen und Sportvereinen als Vorbild dienen.
Dieser Anspruch zwischen hochgradig regulierten Schutzkonzepten und der schwindenden Ressource Zeit führt bei Haupt- und Ehrenamtlichen der Pfadfinderschaft oft zur Zerreißprobe. Schulungstermine und Dokumentationspflichten nehmen Zeit in Anspruch,die eigentlich für die Arbeit mit den Kindern reserviert ist. Dennoch sind sie notwendig. Die Funktion der Präventionsfachkraft könne langfristig nicht nur ehrenamtlich abgesichert werden, sagen die Pfadfinderleiterinnen und -leiter. Es brauche professionelle hauptamtliche Unterstützung, um das Ehrenamt zu entlasten.
Echte Erfahrungen und Entschleunigung in der Natur
In einer Zeit, in der sich Jugendliche trotz totaler Vernetzung und der „Helikopter-Mentalität“ vieler Eltern einsam fühlen, wird das Pfadfinder*innenlager zum neuen Erfahrungsraum. Die Verbände sehen die Entschleunigung durch die Natur als wertvolle Alternative zur ständigen Erreichbarkeit und möchten Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass Gemeinschaft trägt und dass der Mensch mehr ist als sein digitales Profil. Nach drei Tagen in der Natur, oft ohne Netzempfang, geschieht das Wunder: Die Jugendlichen kommen in einen „Flow“. Sie spüren das wirkliche Leben – die echte Müdigkeit nach dem Marsch, die Gemeinschaft im Zelt, das Gefühl, nach getaner Arbeit am Feuer mit einer selbst gekochten Mahlzeit satt zu werden. Eltern berichten, sie würden ihre Kinder nach dem Lager kaum wiedererkennen; sie seien präsenter, geerdeter.
Wegzeiten: Glaube jenseits starrer Formen
Abschließend diskutiert die Runde mit dem Bischof über die christliche Identität und die Frage, wie gelebter Glaube in einer pluralen Gesellschaft heute noch authentisch vermittelt werden kann. Denn die traditionelle kirchliche Sprache und Formen sind vielen jungen Menschen fremd geworden. Die Pfadfinderinnen und Pfadfinder leben ihre Spiritualität in sogenannten „Wegzeiten“. Es sind kurze Gottesdienste, die von Geschichten, Liedern, Gebeten und Glaubenszeugnissen leben und Pluralität sowie Zweifel aufgreifen. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nicht religiös, doch sie leben die „Nachfolge Jesu Christi“ ohne explizites Label – allein durch ihr Handeln, durch die Nächstenliebe und als Stimme für die Schwachen. Bischof Dieser appelliert an die Gruppenleiter als „Multiplikatoren“, Begegnungen mit dem Glauben zu ermöglichen.