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Bischof Dr. Helmut Dieser fordert in seiner Silvesterpredigt ein angstfreies Leben für Gläubige aller Religionen und Nicht-Gläubige:Antisemitismus halte ich für unerträglich und nicht mehr hinzunehmen

Der Bischof von Aachen, Dr. Helmut Dieser, hat in seiner Silvesterpredigt gefordert, dass Juden, Muslime, Christen, Anders- und Nichtgläubige in unserem Land angstfrei leben und angstfrei miteinander im offenen Austausch sein können, den niemand durch Intoleranz und Extremismus verhindern und zerstören dürfe.
Jahresschlussandacht 2025
Datum:
Mi. 31. Dez. 2025
Von:
Ronny Bartsch

Aachen. Der Bischof von Aachen, Dr. Helmut Dieser, hat in seiner Silvesterpredigt gefordert, dass Juden, Muslime, Christen, Anders- und Nichtgläubige in unserem Land angstfrei leben und angstfrei miteinander im offenen Austausch sein können, den niemand durch Intoleranz und Extremismus verhindern und zerstören dürfe. „Wenn wir das wirklich wollen, müssen wir alle das auch einfordern und praktizieren!“, unterstrich der Bischof in der Jahresschlussandacht im Aachener Dom. „In islamistischen, linksradikalen und neonazistischen Kreisen tritt der Antisemitismus bei uns immer offener zutage, und das halte ich für unerträglich und für nicht mehr hinzunehmen.“ Dass der Antisemitismus in Deutschland auch im vergangenen Jahr zwar von den einen geächtet, von den anderen aber verschwiegen werde, lasse ihn nur immer weiter ansteigen. „Darum müssen wir alle den Mut finden, darüber kritisch und kontrovers zu reden“, lautete der Aufruf des Bischofs. „Und alle, die um das zu verhindern, intolerante Sprüche durchs Dorf jagen, um Angst zu erzeugen und andere mundtot zu machen, dürfen damit keinen Erfolg haben!“ 

In seiner Ansprache führte Dieser aus, dass um manche Aussagen und Verhaltensweisen der politisch Verantwortlichen in Deutschland und weltweit immer wieder ähnliches Getöse entstehe. Wer etwa auch nur scheinbar an das Wort „Brandmauer“ anrühre, treibe in immer neuem Spektakel laute und scharfe Gegenreden hervor. Wer sie für unverzichtbar halte, komme doch nicht dagegen an, dass die politischen Überzeugungen, die von der „Brandmauer“ ferngehalten werden sollten, immer mehr Anhänger gewännen. „Es fallen Worte wie Bruch der Koalition, Minderheitsregierung, Ausgrenzung, Beschädigung der Demokratie und andere mehr“, beschrieb der Bischof die Debatte. „Die Erregungen gehen hin und her, auf und ab. Eine zielsichere Lösung der umstrittenen Themen aber fällt denen, die eine gemeinsame Mehrheit haben, immer schwerer.“ Wochenlang sei zum Beispiel eine Diskussion nur um das Wort „Stadtbild“ gegangen. Ob aus dieser Diskussion ein politischer Wille und entsprechende Umsetzungen erfolgten und welche das sein sollten, bleibe weiter ungewiss. 
Zuletzt habe es ähnlich schwerwiegende Diskussionen rund um das sogenannte „Rentenpaket“ gegeben. „Bei dem standen in ganz unseliger Weise auf einmal nicht einfach politische Parteien, sondern Alt und Jung gegeneinander“, kritisierte Dieser. Wenn eine Einschätzung wie „Die Alten nehmen den Jungen die Zukunft weg“ durchs Dorf getrieben werde, bleibe das nicht ohne schweren Schaden für alle. „Die Politik muss, so meine ich, die Jungen mehr als bisher hören und in die Mitgestaltung der Gegenwart einbeziehen“, forderte der Bischof. „Ich möchte nicht in einer Gesellschaft leben, in der die jungen Menschen sich von den älteren verraten und betrogen fühlen. So etwas beschädigt ganz sicher den sozialen Frieden und das Gemeinwohl!“ 

Auch bei den internationalen Krisen, besonders dem Krieg in der Ukraine und dem Nahost-Konflikt, höre man oft von dieser oder jener Lösung oder einem Deal, die in stundenlangen Gesprächen gefunden oder in Propagandamanier gefordert würden, doch an der schrecklichen und tödlichen Situation ändere sich weiterhin nichts. „Die Ukraine wird immer neu brutal angegriffen. Ohne Lösungsidee sind die Menschen in Gaza immer noch von der Terrororganisation Hamas beherrscht und leiden weiter unter israelischen Angriffen, Zerstörungen und unermesslichem Leid.“, umriss Dieser die aktuelle Lage. „Und wegen der Politik der Regierung Israels werden Juden weltweit immer schärfer angegriffen und bedroht.“ 
Viele weitere Themen würden in lauten Erregungen durch das globale und mediale Dorf getrieben, doch echte Lösungen würden so kaum gefunden. Unzufriedenheiten wüchsen, Polarisierungen und Nicht-mehr-miteinander-reden-Wollen nähmen zu, mahnte der Bischof. Woher könnte denn die Kraft kommen, die daran etwas zum Guten verändert, fragte Bischof Dieser und lenkte den Blick auf den Impuls, der vom Glauben an Gott ausgeht, an den Gott, der den Menschen gerade auch in unseren selbst gemachten chaotischen Verhältnissen und Sackgassen treu bleibt. „Darin liegt eine der ganz wesentlichen Erfahrungen, die uns in der Heiligen Schrift überliefert sind. Gott kommt in die Vorhand. Und wer dann mit ihm zusammen agiert, ändert den Lauf der Dinge“, erklärte Dieser. 

So habe etwa der biblische Jakob mit seiner ganzen Sippe die Gotteserfahrung gemacht: Gott geht mit. Gott segnet. Gott öffnet neue Sinnzusammenhänge. Gott verlangt aber auch den Kampf, die echte und tiefe Auseinandersetzung, das Dranbleiben, das Verlagern der gesamten Existenz auf ihn und seinen Segen. Völlig unerwartet werde Jakob vom Kampf mit Gott überrascht, als er sich eigentlich auf die bevorstehende Begegnung mit seinem Bruder Esau wappne, den er ja betrogen hatte. Davor habe er tiefe Angst, dieser Konflikt sei ungelöst. Jakob habe mit seinem ganzen Treck die tiefe Furt des Flusses Jabbok überqueren müssen, was mühsam sei und sich lange hinziehe. Am Abend seien alle schon drüben, nur er selbst bleibe allein zurück. „Was dann geschieht, kann man als einen geistlichen Kampf verstehen. Ein Kampf, der aber nicht weniger realistisch und bedrohlich ausgeführt wird als ein körperlicher Kampf“, schilderte Dieser die biblische Szene. „Und es ist nichts weniger als ein Kampf mit Gott. Je länger - je mehr wird Jakob das klar. Umso erstaunlicher ist es, dass er trotzdem weiter kämpft. Ein Kampf mit Gott?! Zudringlich, irrwitzig, irgendwie sogar dreist gibt Jakob sich nicht geschlagen.“ 

Dass Jakob nach dem Segen verlange, sei die urtümlichste Reaktion des Menschen gegenüber Gott: Segne mich! Mein Vorhaben, meinen Weg, der vor mir liegt, meine Auseinandersetzung, die ich zu bestehen habe, meine Entscheidung, die ich finden muss, meine Verantwortung, die ich nicht abwerfen darf und in der ich mich bewähren. Auch für uns heute gebe es keine politischen, gesellschaftlichen, privaten oder ganz und gar persönlichen Themen und Anliegen, für die das nicht auch gelten würde, hob Dieser hervor. Das geistliche Leben bestehe nämlich genau darin, Gott im Innenraum der Seele so ernst zu nehmen wie die Dinge des Lebens, die von mir verlangen, ernst genommen zu werden. Wer kein eigenes geistliches Leben führe, glaube noch nicht so, wie uns hier in der Heiligen Schrift der Glaube gezeigt werde. Jakob solle aber darüber hinaus zum Stammvater und zum Bild für unzählige Kinder im Glauben werden. 

Der verstorbene Papst Franziskus habe darum die Kirche insgesamt auf den Weg des Einübens der Synodalität gelenkt. „Wir üben diese Synodalität in immer neuen Formen, um gemeinsame Entscheidungen zu finden in allen Ebenen der Kirche“, stellte der Bischof fest. Das geschehe auf der Weltebene in der Weltsynode, in Deutschland durch den Synodalen Weg und die neu geschaffene Synodalkonferenz, die nächstes Jahr zum ersten Mal zusammentreten werde, und auch im Bistum Aachen durch viele verschiedene Formen, die eingeübt würden. „Immer geht es darum, das geistliche Zuhören anzuregen, das freimütige Reden, das gemeinschaftliche Heraushören in dem, was gesagt wird, auf das, was von Gott kommt“, unterstrich Dieser. „Wir sind noch am Anfang, aber für mich liegen in der Herausbildung einer synodalen Kultur und einer insgesamt synodalen Kirche die größten Hoffnungs- und Zukunftskräfte! Wenn wir in der Kirche eine synodale Kultur gewinnen, zeigt und bewirkt sie das Gegenteil von bloßer Aufregung und Getöse, durch die noch nichts gewonnen ist.“ 
Jakob erfahre all das als schweren, anstrengenden, ja bedrohlichen Kampf. Und der Segen, den er bekommen solle, werde nicht billig und auch nicht kurzlebig sein. Denn Jakob bekomme einen neuen Namen, und der Name sei in der Heiligen Schrift immer verbunden mit dem Wesen dessen, der ihn trage. „Das geistliche Leben und die Synodalität müssen uns also dazu bringen, Masken abzulegen, Nachplappern aufzugeben, Sollen-doch-die-anderen-das-zuerst-mal-Machen nicht mehr dagegen zu halten, um sich selbst zu schützen und sich zu verbergen“, forderte Dieser. „Und noch etwas kommt hinzu: Denn eine Bitte er­füllt Gott dem Jakob nicht. Er muss darauf verzichten, den Namen Gottes zu erfahren. Gott ist größer. Keiner darf ihn für eigene Zwecke vereinnahmen oder gar missbrauchen.“ 

Jakob bekomme als Gesegneter den neuen Namen „Israel“ („Gottesstreiter“), weil er mit Gott und Menschen gestritten und gesiegt habe. Dieser Name werde dann zum Namen für das ganze Erste Gottesvolk Israel. Was Jakob erlebt habe, sei also etwas Typisches, dass alle, die glauben und zum Gottesvolk gehören, auch immer neu bestehen müssen. Das sei wiederum kein Selbstzweck, sondern die Weise, wie Gott in die jeweilige Zeit hineinwirke und die Geschichte insgesamt lenke. Er tue das durch alle, die wie der Gottesstreiter Jakob mit Gott und Menschen streiten, das heißt, dass sie alles, was ist, hineinehmen in das Gottesverhältnis. 
Es sind Menschen, die glauben und kämpfen um Gottes Segen durch lange Durststrecken hin­durch, damit sein Wille geschehe und unser Weg als einzelne, als Kirche und als Gesellschaft von Gott gesegnet sei. Gott wirkt durch Menschen, die kämpfen nicht um hohe Aufmerksamkeit oder rasche Klickzahlen, sondern um den Segen, den er allein geben muss“, betonte der Bischof. „Darum mache ich am Ende des Heiligen Jahres Mut, dass wir weiter Pilger der Hoffnung bleiben.“ 
In der weiteren Umsetzung der "Heute bei dir"-Beschlüsse im kommenden Jahr werde das Bistum Aachen darum ringen, wie die Pastoral den Einzelnen dazu helfe, ein eigenes geistliches Leben zu entwickeln und durchzutragen und in Gemeinschaft die Synodalität zu üben, und wie die Pastoral denen, die nur punktuell mit Gott rechnen, dazu hilft, dass ihnen aufgeht, wie unsere gesamte Existenz an seinem Segen hängt. 

Damit tun wir etwas sehr Wesentliches und Wirksames gegen die Strohfeuer von Erregung und wachsender Unzufriedenheit in unserer Gesellschaft, auch gegen das Gefühl, dass alles nur schlechter wird, und zuletzt auch gegen die Vereinsamungen, die daraus hervorgehen“, hob der Bischof mit Nachdruck hervor. „Mit Gott ringen um den eigenen Lebensweg, um politische Überzeugungen und um den Mut miteinander zu reden, und uns um die zu kümmern, die es am meisten nötig haben: All das wird uns Gottes Segen schenken und ihn in unserer Gesellschaft spürbar machen.“ 
In seinem ersten apostolischen Wort „Dilexi te“ habe Papst Leo XIV. darauf hingewiesen, dass es darum gehe, Gott zu lieben, der in der Welt herrsche. In dem Maß, in dem er unter uns herrschen könne, werde das Gesellschaftsleben für alle ein Raum der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Würde sein. „Folgen wir alle mit Mut diesem Wort unseres Heiligen Vaters im Neuen Jahr!“, schloss Bischof Dieser.