GL 784 Wäre Gesanges voll unser Mund
GL 784 Wäre Gesanges voll unser Mund
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Wäre Gesanges voll unser Mund, voll wie das Meer und sein Rauschen, klänge der Jubel von Herzensgrund, schön, dass die Engel selbst lauschen. So reichte es nicht, dich, Gott, unsern Gott, recht zu loben …
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Stünde in unsern Augen auch Glanz, wärmten wir uns an den Strahlen, trügen die Füße auch leicht wie im Tanz weg von den Nöten und Qualen. So reichte es nicht, …
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Spannten wir unsre Hände auch aus, weit wie ein Adler die Schwingen, schützten wir so unser Erdenhaus, dass alle Kinder gern singen. So reichte es nicht, …
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Läge uns auch von Herzen daran, all jene Male zu nennen, da du uns so viel Gutes getan, daran wir dich, Gott, erkennen. So reichte es nicht, …
Text: Eugen Eckert 1999, Melodie: Alejandro Veciana
Entstehung des Liedes
Der Text stammt von Pfarrer Eugen Eckert (* 1954), der ihn 1999 auf der Grundlage eines hebräischen Gebetshymnus verfasste: „Nischmat Kol Chaj“ aus dem „Festtäglichen Gebetbuch“, der Frankfurter Haggada von 1892. Anlass für diese Übertragung war ein Fund in Frankfurt am Main: Bei Ausschachtungsarbeiten waren Überreste des ehemaligen jüdischen Ghettos zutage getreten. Obwohl man sich bemühte, die Mauerreste an ihrem ursprünglichen Ort zu erhalten, fanden sie schließlich nur im Museum ihren Platz. Eckerts Textfassung will auf ihre Weise dazu beitragen, die Erinnerung an das jüdische Leben in Frankfurt – und damit auch an die Wurzeln des eigenen Glaubens – wachzuhalten.
Die Melodie komponierte im selben Jahr Alejandro Veciana. Veröffentlicht wurde das Lied erstmals im Chorbuch „Die Zeit färben“ und fand von dort aus Eingang in mehrere Diözesananhänge des Gotteslobs (u. a. auch des Bistum Aachen) sowie in weitere Liederbücher.
Inhaltlich kreist das Lied um den hebräischen Begriff „Sachor“ – „Erinnere dich“. In der hebräischen Bibel begegnet dieser Aufruf zur Erinnerung sehr häufig, gerichtet an Gott ebenso wie an das Volk Israel. Aus diesem Gedenken erwächst die Dankbarkeit, die das ganze Lied trägt: Der Sänger versucht in immer neuen, konjunktivisch formulierten Bildern auszudrücken, wie groß das Lob sein müsste, um Gott gerecht zu werden – und muss doch am Ende jeder Strophe bekennen, dass es „nicht reichte“, ihn recht zu loben. Damit hält das Lied zugleich die Distanz zwischen Geschöpf und Schöpfer und die Freiheit fest, zu der der Mensch berufen ist.
Melodie
Die Melodie Alejandro Vecianas nimmt die poetische, vom Konjunktiv geprägte Sprache des Textes musikalisch auf: getragene Haltetöne wechseln mit knappen Achtelbewegungen, wodurch sich über die Strophe hinweg eine Spannung aufbaut, die sich im Refrain löst. Ein zu schnelles Tempo würde dieser Steigerung entgegenwirken; empfohlen wird eine ruhige, stabile Grundbewegung, in der die Haltetöne ihre Wirkung entfalten können, ohne dass die folgenden Silben zu flüchtig geraten. Als bildliche Orientierung für das richtige Tempo kann die dritte Strophe dienen, die vom Bild eines mit ausgebreiteten Schwingen dahingleitenden Adlers spricht.
Tragend für die musikalische Wirkung ist die Begleitung: Sie lebt von einem festen rhythmischen Puls (Groove), der zugleich Raum für improvisatorische Ausgestaltung in Klavier, Bass oder Orgel lässt. Das Zusammenspiel von Band und Orgel – etwa indem die Orgel gezielt als Signalinstrument für den gemeinsamen Refrain hinzutritt – kann die Wirkung des Liedes im Gemeindegesang deutlich steigern.
Liedeinführung
Für die Einführung in der Gemeinde bietet sich ein Hinweis auf die jüdischen Wurzeln des Liedes an: Der Text greift ein Gebet aus der Pessach-Haggada auf, das von der Unmöglichkeit spricht, Gott mit menschlichen Mitteln angemessen zu loben – und ihn dennoch, gerade in diesem Wissen um die eigene Unzulänglichkeit, immer neu zu preisen versucht. Der Hinweis auf den historischen Anlass der Entstehung – den Fund von Resten des Frankfurter Ghettos – kann der Gemeinde zusätzlich verdeutlichen, dass das Lied nicht nur allgemeine Lobpreis-Poesie ist, sondern bewusst an die Geschichte des jüdisch-christlichen Verhältnisses erinnert.
Musikalisch empfiehlt es sich, der Gemeinde erstmal en Refrain vorzusingen oder vorspielen zu lassen, da er in allen vier Strophen wiederkehrt und so schnell mitgesungen werden kann, während die Strophen auch solistisch durch einen Chor eingeführt werden können. Später kann das Lied durch die Gestaltung in verschiedenen Besetzungen mit Solisten und Chor und der Gemeinde in seiner Wirkung zusätzlich aufgewertet werden.
Der Hinweis auf das ruhige, tragende Tempo und die Bedeutung der Haltetöne hilft, das Lied nicht zu hetzen und seine meditative Grundhaltung zu wahren.
Liturgische Verwendung
„Wäre Gesanges voll unser Mund“ eignet sich als Lob- und Dankgesang für ganz unterschiedliche Anlässe im Kirchenjahr, da es nicht an ein bestimmtes Fest gebunden ist. Denkbar sind der Einsatz als Eröffnungslied oder Gesang zur Gabenbereitung in Gottesdiensten, die das Loben und Danken in den Mittelpunkt stellen, ebenso wie der Einsatz in Wort-Gottes-Feiern, ökumenischen Gottesdiensten oder Anlässen des christlich-jüdischen Dialogs, bei denen die biblisch-jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens bewusst gemacht werden sollen. Der refrainartige, gut mitsingbare Grundcharakter macht es zudem für Jugendgottesdienste und Chorprojekte attraktiv, während seine meditative, selbstreflexive Seite es auch für stillere, besinnliche Momente im Gottesdienst geeignet erscheinen lässt.
Martin Sonnen
