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(Lektionar VIII, Marienmesse S. 619 ff: 2 Kor 1, 3-7, Mt 5, 1-12):Predigt in der Hl. Messe beim Ordenstag am Samstag, 18. Juli 2026 in der Marienbasilika, Kevelaer

Schwestern und Brüder, nach den bitteren Erfahrungen der beiden Weltkriege des letzten Jahrhunderts und dem Ende des sog. Kalten Krieges hatten wir geglaubt, das friedliche Miteinander von Völkern und Nationen werde sich weiter entwickeln. Wir hatten geglaubt, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und freier Handel würden sich durchsetzen.
Datum:
18. Juli 2026
Von:
Weihbischof Karl Borsch

Unsere Erwartungen sind enttäuscht worden.

Was vor 5 Jahren undenkbar schien, ist heute Realität.

Imperialisten, Diktatoren und irre Milliardäre pfeifen auf Recht und Gerechtigkeit, pfeifen auf das Einhalten von Verträgen und die Orientierung am Völkerrecht. 
Was sie treibt, sind Macht, Einfluss und Geld.
Menschenleben und Menschenwürde spielen keine Rolle. Auch unter Verbündeten droht man mit Krieg.

Weltweit verbreitet sich ein Klima der Angst.
Und interessierte Kreise tun alles, um dieses Klima zu fördern.

Aber Angst ist kein guter Ratgeber.
Angst macht eng und kurzsichtig.

Der Glaube dagegen macht weit und weitsichtig.

Und um den Glauben geht es uns heute morgen.
Darum sind wir nach Kevelaer gekommen.

Weil wir unseren Glauben stärken und feiern wollen.

Gläubige Menschen sind keine Spinner und auch keine Phantasten.
Gläubige Menschen sind nicht weltfremd oder blöd.

Im Gegenteil:
Gläubige Menschen sehen mehr.
Gläubige Menschen sehen die Welt, wie sie ist - und sehen doch zugleich auch den Himmel.

Gläubige Menschen wissen, dass die Welt nicht alles ist.
Die Welt ist relativ.

Relativ heißt nicht: Gleichgültig.

Relativ heißt: Die Welt steht in einer Relation.

In einer Relation zu einem größeren Ganzen.
Zu einem alles Umfassenden.
Zu einem Absoluten.

Wir sagen Gott.

Gläubige Menschen sehen die Welt und den Himmel.
Sie leben in der Welt –
sind aber nicht von der Welt.
Sie engagieren sich für Frieden und Gerechtigkeit – und erwarten zugleich doch alles von Gott.

Das ist die Spannung, in der wir als gläubige Menschen leben.

Wir tun das Unsere und erwarten alles von Gott.

Wir stützen uns nicht auf die Macht der Mächtigen dieser Welt.
Wir stützen uns auf die Macht Gottes.

Die Macht der Mächtigen dieser Welt spaltet und zerstört. Die Macht Gottes führt zusammen und heilt.

Die Macht Gottes ist die Liebe.
Und die sucht nicht den eigenen Vorteil.
Die sucht das Wohl aller Menschen.

So ist die Liebe.
Und darum geht es Gott.

Das fällt uns manchmal schwer zu verstehen.
Warum greift Gott nicht durch?
Warum legt er den Kriegstreibern und Despoten nicht das Handwerk?

Warum lässt er all das Unrecht geschehen?

Schwestern und Brüder,
Gott respektiert unsere Freiheit.
Darum greift er nicht ein.
Darum leidet er lieber mit, als Gewalt anzuwenden.
So ist die Liebe.
Sie schlägt nicht zurück.
Sie ist geduldig.
Sie leidet mit.

Das ist die Logik Gottes. Seine Liebe.
Und die wird das letzte Wort behalten.

Die Welt, in der wir leben, ist nur der Raum, in dem wir uns vorübergehend aufhalten.
Der Raum, in dem wir unsere Freiheit entfalten und gestalten und hineinwachsen in eine Entscheidung über das Leben – mit Gott oder ohne Ihn.

Auf diese Entscheidung läuft alles hinaus:
Für Gott oder gegen Ihn.
Für das Ewige Leben. Oder für das Ewige Nichts.

Darauf läuft alles hinaus.

Und darum kann Jesus die Armen, Trauernden, Sanftmütigen, Hungernden, Barmherzigen und Verfolgten selig preisen.
Weil sie eine Perspektive haben – über das Leben hinaus.
Weil sie in ihrer Schwachheit und Armut auf Gott setzen.
Und damit auf das Ewige Leben.

Darum preist Er sie selig.

Jesus hat keine Freude an Verfolgung, Armut und Hunger.
Nein: Gott leidet mit, wenn Menschen verfolgt werden, arm sind und hungern.
Gott leidet, wenn wir leiden.
Gott leidet an der Dunkelheit dieser Welt.

Und er will, dass es heller wird.
Aber nicht an uns vorbei, sondern durch uns hindurch.

Durch uns will Gott die Welt heller machen.
Durch uns will Er Frieden schaffen und Gerechtigkeit.
Durch uns will Er die Schöpfung bewahren.
Nicht an uns vorbei.

Die sog. Weisen dieser Welt, die fühlen sich unangreifbar in ihrem Selbstbewusstsein.
Die Mächtigen dieser Welt, die fühlen sich sicher in ihrer Macht.
Die Despoten dieser Welt, die fühlen sich unverwundbar durch ihre Waffen.

Die Armen, Demütigen und Verfolgten dieser Welt dagegen – die sind stark durch Gott.
Mit Gott überwinden sie die Welt und bringen den Frieden, nach dem wir uns sehnen.

Schwestern und Brüder,
können wir uns darauf einlassen?
Auf dieses Vertrauen und auf die Liebe Gottes?
Sind wir bereit, der Logik der Liebe zu folgen, statt der Logik der Gewalt?

Noch einmal:
Wer glaubt, legt die Hände nicht in den Schoß und wartet auf vermeintlich bessere Zeiten.
Nein:
Wer glaubt, der setzt sich ein für Frieden und Gerechtigkeit.
Aber er tut es in Liebe und mit Vertrauen.

Im Vertrauen darauf, dass er nicht allein am Werk ist, sondern dass Gott mit im Spiel ist.

Im Vertrauen darauf, dass das Ziel des Lebens nicht in dieser Zeit, sondern in der Ewigkeit liegt.

Dieses Vertrauen, Schwestern und Brüder, das dürfen wir lernen von Maria.
Als der Engel zu ihr kam, da sah alles eher aus wie eine Katastrophe, nicht wie eine Frohe Botschaft. „Ich habe doch keinen Mann!!“
Aber im Vertrauen auf Gott sagt Maria „Ja“.
„Ja, ich vertraue der Liebe Gottes.
Ich verlasse mich ganz auf Gott.“

Aus diesem Vertrauen ist das Leben für alle erwachsen: Jesus Christus.
Unser Herr und Gott.

Er ist unsere Stärke.
Unser Vertrauen.
Unsere Zukunft.