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Pressemeldung Bistum Aachen:„Gemeinwohl bedeutet, dass alle auch einzahlen müssen“

Bischof Dieser
Bischof Dr. Helmut Dieser über Ängste, die Größe Gottes und klare Kante gegen | Ziel der Kirche ist, Dialog zu fördern und sprachliche Tabus abzubauen
Datum:
12. Okt. 2026
Von:
Bistum Aachen

Aachen. "Kirche muss sich in einer säkularen und pluralen Gesellschaft neu verständlich machen – und zugleich klar Stellung beziehen,  wenn die freiheitliche Demokratie unter Druck gerät." Das sagt der Aachener Bischof Dr. Helmut Dieser in der Jubiläumsausgabe "Was uns trägt - 80 Jahre Kirchenzeitung für das Bistum Aachen". Darin wirbt er für einen offenen gesellschaftlichen Dialog, warnt vor Extremismus und sieht gerade in der katholischen Soziallehre wichtige Orientierung für aktuelle Herausforderungen.

„Wir lassen uns unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaft nicht von rückwärtsgewandten braunen Gesinnungen zertrümmern“, sagt Dieser. Kirche müsse sich gegen jede Form von Extremismus und insbesondere gegen völkisches Denken stellen. Zugleich dürfe sie die Ängste, die Menschen etwa mit Blick auf Migration, gesellschaftliche Veränderungen oder wirtschaftliche Unsicherheit haben, nicht ignorieren. „Unreflektiertes Zuhören und Zujubeln dient dem Populismus“, so der Bischof. Entscheidend sei vielmehr, Ängste auszusprechen, sie ernst zu nehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Offene Debattenkultur

Dabei plädiert Dieser für eine Debattenkultur, in der auch schwierige Fragen offen angesprochen werden können. Deutschland brauche einen politischen Schulterschluss, der Reformen angehe, Ängste ernst nehme und konkrete Antworten anbiete. Beim Thema Migration etwa sei neben der grundsätzlichen Bereitschaft zur Aufnahme auch darüber zu sprechen, wie Migration gesteuert werden könne und welche Erwartungen an Menschen gestellt werden dürften, die in Deutschland leben möchten. Maßstab könne dabei das Gemeinwohl sein: „Alle müssen auch einen Beitrag leisten.“

Menschen ins Gespräch bringen

Für diese Diskussion sieht der Bischof die katholische Soziallehre gut aufgestellt. Begriffe wie Gemeinwohl, Personalität, Solidarität und
Subsidiarität seien keineswegs überholt, sondern böten Orientierung für aktuelle gesellschaftliche Fragen. Das gelte auch für neue
Herausforderungen wie den Umgang mit Künstlicher Intelligenz. Kirche soll dabei nicht nur politisch Stellung beziehen, sondern vor allem Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Bischof Dieser warnt vor einer zunehmenden Polarisierung, in der es nur noch darum gehe, „wer sich durchsetzt“. Als Gegenmodell nennt er die Synodalität: zuhören, unterschiedliche Perspektiven aushalten und gemeinsam nach dem suchen, was Kirche und Gesellschaft trägt. Und das sind für Dieser vor allem Menschen.

Wandel heißt nicht Verlust

„Es sind unterschiedliche Berufungen. Es sind Menschen, die wir nicht bestellen oder klonen können.“ Das selbstverständliche Dazugehören zur Kirche sei vorbei. Gleichzeitig entstünden neue Orte von Kirche, an denen sich viele Ehrenamtliche engagierten. Ob Gottesdienst, Chor, Jugendgruppe, Umweltengagement oder Caritas: Entscheidend seien Begegnung, Verlässlichkeit und Gemeinschaft. Im Kern beschreibt Dieser den christlichen Glauben deshalb nicht als fertiges „Produkt“, sondern als Beziehung – zu anderen Menschen  und zu Gott. Der Glaube lasse sich nicht einfach von einer Generation an die nächste weitergeben. Menschen könnten ihn aber so leben, dass andere etwas davon spürten. „Wir dürfen darauf vertrauen, dass sich Gott selbst erkennbar macht“, sagt der Bischof.

Auch den notwendigen Wandel der Kirche versteht Dieser nicht nur als Verlust. Wenn vertraute Strukturen künftig nicht mehr trügen, könne darin die Chance liegen, „die Fundamente zu stärken“. Kirche müsse ihre „Verpackung“ immer wieder neu verständlich machen, ohne ihren Kern aufzugeben: die Botschaft des Evangeliums von Beziehung, Vertrauen, Hoffnung und einem Leben, das über sich selbst hinausweist.