Ein Gastbeitrag von Conny Schier
Sprache begleitet uns ein Leben lang – und beginnt schon im Mutterleib. Sie verbindet uns mit anderen, gibt unseren Gefühlen Ausdruck und prägt unser Denken. Doch gerade weil Sprache so tief in uns verwurzelt ist, rührt sie an unser Innerstes, wenn sie sich verändert. In einer Zeit, in der Debatten um inklusive Sprache und sensible Formulierungen oft emotional geführt werden, lädt Conny Schier – Referentin für Demokratiebildung, Expertin für Familienbildung und Kommunikation – dazu ein, Sprache nicht als Kampfplatz, sondern als Brücke zu verstehen. Ihr Beitrag zeigt, wie Worte verletzen, aber auch heilen können, wie Sprachwandel möglich ist – und warum es sich lohnt, diesen Weg gemeinsam zu gehen.
Der Erwerb unserer Sprache beginnt bereits vor der Geburt im Mutterleib. Das ungeborene Kind lauscht den Stimmen der Umgebungspersonen und kann schon kurz nach der Geburt den Klang der Muttersprache erkennen. Mit unserer Sprache drücken wir Gedanken oder Gefühle aus und treten mit anderen Menschen in Kontakt. Wir verbinden mit Sprache unsere Identität, unsere Familie, Freundschaften, das Leben und die Liebe. Es ist also nicht verwunderlich, dass Diskussionen um unsere Sprache starke Emotionen auslösen können und unser Innerstes anregen. Aus der Sprachwissenschaft wissen wir, dass Sprache schon immer im Wandel war und auch immer sein wird. "In den letzten hundert Jahren hat sich der Wortschatz, der tatsächlich verwendet wird, um fast ein Drittel vergrößert, das ist schon gigantisch.“ sagt Wolfgang Klein, der Vizepräsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Wie wir als Generationen wieder zusammenfinden
Gerade jüngere Generationen der heutigen Zeit wünschen sich eine Sprache, die sensibel ist und die möglichst alle Menschen unserer Gesellschaft umfasst, benennen kann und niemanden benachteiligt. Dieses Unterfangen ist gar nicht so einfach. Zum einen, da sich Benachteiligungen manchmal in Worten zeigen, die wir schon unser Leben lang verwenden und zum Anderen, weil diese Entwicklung schnell voranschreitet und Menschen das Gefühl haben, nicht mehr mitzukommen. Vielleicht kennen Sie die Situationen, z.B. auf dem letzten Familientreffen, an dem eine Diskussion hochkocht, da bestimmte Worte, die früher zum normalen Sprachgebrauch gehörten, nicht mehr gesagt werden sollten. Häufig reagieren wir emotional, wenn Gesagtes von uns kritisiert wird, da wir das Gefühl haben, dass damit unser Innerstes kritisiert wird. Und dann passiert es allzu leicht, dass wir gar nicht mehr zuhören können oder wollen, warum denn ein Begriff, wie z.B. das N-Wort, nicht mehr verwendet werden soll.[1] Fühlen Sie in solchen Momenten in sich hinein. Vielleicht stellen Sie fest, dass Sie bereit wären, ein anderesl Wort zu verwenden, Sie sich aber wünschen, nicht von anderen belehrt zu werden oder von dieser neuen politisch korrekten Sprache überrollt zu werden. Wenn dem so ist, sollten Sie genau das äußern. Ihre Gedanken dürfen ausgesprochen werden und Raum bekommen.
Wie Sprache für uns alle da sein kann
Wir haben schon festgestellt, dass uns Sprache in unserem Sein ausmacht. Sprache weckt Emotionen. Folglich gestaltet Sprache unser Leben und hat Einfluss. Sprache ist mächtig. Sie prägt unsere Gedanken und die Bilder, die wir im Kopf haben. Das, was wir mit Sprache benennen, schafft ein Bild vor unserem inneren Auge. Wenn wir von einem Arzt sprechen, sehen wir einen Mann im weißen Kittel. Wenn wir von einem Lehrer sprechen, sehen wir einen Mann am Lehrerpult sitzen. Wenn wir in unserer Gesellschaft wollen, dass alle Geschlechter gleiche Chancen haben, ist es wichtig, dass wir sie in unserer Sprache auch so benennen. Heutzutage gibt uns das * in Wissenschaftler*innen die Möglichkeit, auch die Menschen mitzudenken und mitanzusprechen, die queer sind und sich z.B. keinem der beiden Geschlechter zuschreiben.
Medien sprechen hier immer wieder von einem sog. „Gender-Wahnsinn“, was durch Spitzenpolitiker immer wieder befeuert wird. Sie sehen im Gendersternchen das Hauptproblem unserer Gesellschaft. Es ist nachvollziehbar, dass dieses Thema erst einmal Widerstand auslöst und von Sorgen und Ängsten begleitet wird. Oder von dem Gefühl, überrollt zu werden. Aber lassen Sie sich von diesen Diskussionen nicht verunsichern. Sprache ist eine Einladung, mit Anderen in Kontakt zu treten. Es ist eine warme Geste, wenn Sie ihre Worte so wählen, dass ihr Gegenüber oder andere Zuhörenden sich wohl fühlen und ein Akt der Gerechtigkeit, wenn Sie so viele Menschen wie möglich mitdenken.
Warum es sich für uns lohnt
Wenn wir uns eine friedlichere und gerechtere Welt wünschen, ist die Voraussetzung dafür eine friedliche und gerechte Sprache. Wie oft fühlen wir uns alle bei den derzeitigen Nachrichten hilflos und haben das Gefühl, dass unsere Zeiten immer dunkler werden? Wenn wir bei uns selbst beginnen, etwas zu verändern, lassen wir dieses Ohnmachtsgefühl hinter uns und kommen ins Tun. Damit beschäftigt sich u.a. der Ansatz der Gewaltfreien Kommunikation (nach Rosenberg). Er lädt dazu ein, im Gespräch mit unseren Mitmenschen unsere Gefühle und Bedürfnisse zu kommunizieren, ohne dabei in Vorwürfe oder Anmaßungen über unser Gegenüber zu verfallen. Ein Blick in diesen Ansatz gibt Mut, dass die Veränderung unserer Sprache positive Veränderungen für unser Leben bereit hält. Mehr Wohlbefinden bei uns und mehr Freiheit und Gerechtigkeit bei unserem Gesprächspartner.
Auch unser Geist kann davon profitieren. Das Festhalten an dem „Schon-immer-da-Gewesenen“ führt dazu, dass wir Neues verpassen. Wie beim Frühjahrsputz dürfen wir Altes loslassen und Platz für Neues schaffen. Auch wenn der Weg manchmal herausfordernd ist, ist es das Neue und Unbekannte, an dem wir wachsen. Wenn wir davon überzeugt sind, dass wir uns eine gerechte Gesellschaft für alle Menschen wünschen, dann können wir Schritt für Schritt unsere Sprache sensibel und friedlicher werden lassen. Und wir dürfen aufhören, dabei keine Fehler machen zu wollen. Denn wie heißt es so schön: „Wer keinen Fehler macht, macht auch sonst nicht viel.“ Die Hauptsache ist, dass wir uns alle auf den Weg machen. Und das wird uns alle am Ende wieder näher zusammenbringen. Denn das schafft Sprache – sie verbindet uns.
[1] ein paar Beispiele und alternative Möglichkeiten
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Was früher gesagt wurde |
Was heute sensibler ist |
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N-Wort/Dunkelhäutige |
Schwarze, Afro-Deutsche, People of Colour |
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Sozial schwache Menschen |
Von Armut betroffene Menschen |
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Ein Mensch leidet an einer Behinderung. |
Ein Mensch hat eine Behinderung. |
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Transvestit |
Trans-Mann/Trans-Frau |
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Ausländer |
Menschen mit Migrationsgeschichte |
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Die Kinder haben mal wieder ihre 5 Minuten. |
Die Kinder brauchen gerade Bewegung. |
