„Der Ernst der Stunde verlangt es, Konsequenzen folgen zu lassen“

Stellungnahme von Bischof Dr. Helmut Dieser zu den Ergebnissen der Missbrauchsstudie. Brief an alle Pfarreien, Mitarbeiter und Orden im Bistum Aachen.

Bischof Dr. Helmut Dieser (c) Bistum Aachen - Carl Brunn
Bischof Dr. Helmut Dieser
So., 7. Okt. 2018
iba

Aachen, (iba) – „Wie viele Andere stehe auch ich noch immer unter der Wucht der verdichtet vorgetragenen Ergebnisse und leide mit Ihnen an den beschämenden Gewissheiten über das, was in vielen Jahren in unserer Kirche geschehen ist“, schreibt Bischof Dr. Helmut Dieser in einem Brief an alle Pfarreien, Mitarbeiter und Orden im Bistum Aachen. „Der Ernst der Stunde verlangt es, weitere Konsequenzen folgen zu lassen“, so der Aachener Bischof mit Blick auf die MHG-Studie zum „Sexuellen Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“, die in der vergangenen Woche nach den Beratungen der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlicht wurde.

„Es ist für mich eine sehr bittere Erkenntnis aus der Studie, dass Strukturen und Mentalitäten in unserer Kirche sexuellen Missbrauch nicht nur nicht verhindern, sondern sogar begünstigen. Auch wir im Bistum Aachen werden uns deshalb der Herausforderung stellen, die systemischen Ursachen und Verantwortlichkeiten von sexuellem Missbrauch umfassend aufzuarbeiten. Dazu wird auch gehören, dass wir die Betroffenen selbst mit einbeziehen und die Hilfe von externen Fachleuten in Anspruch nehmen“, kündigt Bischof Dr. Helmut Dieser an. In einem nächsten Schritt will er die Ergebnisse der MHG-Studie sowie die Erklärung der Deutschen Bischofskonferenz mit den diözesanen Gremien des Bistums diskutieren und das weitere Vorgehen auch mit ihnen beraten.

Denn ein einfacher Befreiungsschlag sei nicht möglich. „Dies gilt vor allem für die Betroffenen: Was ihnen als Minderjährigen durch sexuellen Missbrauch von kirchlichen Amtsträgern angetan wurde, wirkt in ihrem ganzen Leben nach. Ihr Leid ist unermesslich und unabschließbar. Ich möchte den Betroffenen, die sich bisher dazu noch nicht in der Lage gefühlt haben, Mut machen, sich zu öffnen und den sexuellen Missbrauch zu melden, den sie erlitten haben.“ Zu den wichtigsten Erkenntnissen der Studie zählt für ihn das institutionelle Versagen. „Es gibt nicht nur Täter, die schwere Verbrechen begangen haben und schuldig wurden, sondern es gibt auch Vorgesetzte und andere Personen im Umfeld der Taten und deren kirchliche Selbstverständnisse und übliche Vorgehensweisen, die zur Verharmlosung der Verbrechen führten, die Täter schützten und so weitere Verbrechen möglich machten. Mit all dem wurde sehr häufig der Selbstschutz der Institution Kirche über den Schutz der Opfer gestellt, die im Stich gelassen wurden.“ Das darf nie wieder geschehen. Und so ist Helmut Dieser überzeugt, dass die Empfehlungen der Forscher sowie die Selbstverpflichtungen der Deutschen Bischofskonferenz bei der Aufarbeitung weiterhelfen werden: zum einen dabei, dass den Opfern von sexuellem Missbrauch mehr Gerechtigkeit zuteil wird, zum anderen, dass im Bistum Aachen die Prävention weiterentwickelt wird und die systemischen Ursachen der Begünstigung von Missbrauch erkannt und überwunden werden können. „Dabei werden wir uns auch den spezifischen Herausforderungen stellen müssen, die die Studie aufweist, nämlich den Problemen der zölibatären Lebensform der Priester und den Anfragen an die katholische Sexualmoral.“ (iba / Na 080)

 

Erklärung von Bischof Helmut Dieser