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Offene Jugendarbeit in Düren:Die Jugend von heute? Lässt sich nach wie vor begeistern!

Das meint Elmar Decker, Leiter des Roncalli-Hauses, der nach 36 Jahren in der Offenen Jugendarbeit in den Ruhestand geht. Ein Rückblick auf Höhen und Tiefen.
Elmar Decker, Leiter des Dürener Roncalli-Hauses, verabschiedet sich nach 36 Jahren in der Offenen Jugendarbeit.
Datum:
Mi. 19. Aug. 2026
Von:
Stephan Johnen

Düren. Nach 36 Jahren in der Offenen Jugendarbeit geht Elmar Decker, Leiter des Dürener Roncalli-Hauses, in den Ruhestand. Ein Rückblick auf Höhen, Tiefen und Konstanten.

Frisch aus dem Studium rein in die Arbeitslosigkeit? Für seine Generation war das leider kein Einzelfall. Richtig rosig sah es für Studentinnen und Studenten der Sozialen Arbeit jedenfalls nicht aus. Als Elmar Decker 1990 eine Stelle in Düren fand, war das durchaus Glück. Auch wenn der Aachener damals nach zwei Tagen schon die Schnauze voll hatte: „Hier bleibst du keine zweite Woche“, dachte er sich auf dem Weg vom Roncalli-Haus der Pfarre St. Josef zurück nach Hause. Heile Welt – das gab es nie, auch 1990 nicht in Düren. „Das Roncalli-Haus hatte einen gewissen Ruf“, sagt Decker. Nicht zuletzt dem Einsatz und der Fürsprache einzelner Menschen sei es zu verdanken, dass Elmar Decker dem Ganzen eine Chance gab. Ein Glücksfall für die Jugendlichen. 36 Jahre blieb der Sozialarbeiter in der Offenen Jugendarbeit. Im August verabschiedete er sich in den Ruhestand.

Schon mit Blick auf die Rahmenbedingungen wurde es in 36 Jahren nicht langweilig: St. Josef wurde Teil der Großpfarre St. Lukas, St. Lukas wurde Teil des noch größeren neuen Pastoralen Raumes, das Roncalli-Haus selbst verschwand, um „nebenan“ neu errichtet zu werden, kleiner, den neuen Umständen angepasst. Dann gab es noch (welt-)politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die stets auf die Jugendarbeit im Stadtteil durchschlugen: Mitte der 1990er Jahre suchten sich die sogenannten „Russlanddeutschen“ das Roncalli-Haus als ihre Zuflucht aus. Die Adresse war auch der Polizei bekannt. „Das war ein Hammer, eine echt anstrengende Zeit. Aber durch den hohen Bedarf gab es eine zweite Stelle im Haus“, blickt Elmar Decker zurück. Doch er hielt die Tür offen, sah Generationen kommen und wieder gehen. Viele Besucher wurden ehrenamtliche Helfer, arbeiteten mit, halfen anderen dabei, ihre Rolle in der Gesellschaft zu finden. Manchmal klappt das, manchmal nicht. „Das ist Teil der Realität meines Berufs“, sagt Decker.

Es mache die Seele von Jugendeinrichtungen aus, dass sie „Optionen für Benachteiligte“ bieten, findet Elmar Decker. Zerrüttete Familien, schwierige finanzielle Verhältnisse, Migrationsgeschichten: „Für diese Kinder und Jugendlichen bin ich eigentlich da. Das war schon immer so“, sagt er. Das wichtigste „Produkt“ der offenen Jugendarbeit: das personelle Angebot, der einzelne Mensch, der mit der Zeit im Idealfall zum Ansprechpartner wird, zu dem Vertrauen aufgebaut wird. Ein mitunter mühevoller und zeitaufwendiger Prozess, oft steinig, nicht immer erfolgreich. „Ich bin da, ohne dass ich ständig Druck ausübe, Forderungen stelle, Erwartungen habe. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, hier hinzukommen. Sie können das tun, wozu sie Lust haben, sich an Projekten beteiligen oder es lassen.“ Diese Offenheit mache die Jugendarbeit aus.

 
„Viele Eltern fahren nicht weg, und die Schulen machen weniger Klassenfahrten – wo haben die Jugendlichen denn noch die Möglichkeit, etwas zu erleben?“
Elmar Decker
Elmar Decker betrachtet Fotocollage

Heute unvorstellbar, aber damals völlig normal: Als Elmar Decker anfing, gab es keinen PC. „Wir waren die erste Einrichtung in der Pfarre, die einen Computer bekam. Das war Sensation und Revolution zugleich, das hat die Arbeit verändert.“ Die zunehmende Digitalisierung habe zwar viele Arbeitsschritte vereinfacht, heute bastelt beispielsweise niemand mehr Plakate, die Kommunikation ist viel einfacher, aber neben allen Vorteilen gibt es auch Schattenseiten. „Die Gemeinschaft leidet, die Kreativität auch“, bedauert Elmar Decker. Dank WhatsApp seien Veranstaltungen zwar viel schneller organisiert, aber vieles bleibe oberflächlich. Decker: „Früher ging alles langsamer, aber intensiver. Alles war viel persönlicher.“

Warum hat er dann doch 36 Jahre im Job ausgehalten hat, obwohl er nach zwei Tagen schon weglaufen wollte? „Diese Frage habe ich mir 36 Jahre lang gestellt“, antwortet Elmar Decker augenzwinkernd. Vielleicht liegt es daran, dass er stets auch eigene Interessen, Hobbys und Vorlieben in die Angebote integriert hat. Der Sozialarbeiter war und ist leidenschaftlicher Sportler und Musiker. In Freizeitfahren oder Ferienangeboten spiegelt sich das bis heute wider. „Ich wollte und will den Jugendlichen ermöglichen, mal etwas zu erleben, außerhalb der eigenen vier Wände“, sagt er. In der Theorie sei die Welt in den vergangenen Jahren immer kleiner geworden, in der Praxis war so mancher Jugendlicher aus Düren heute noch nie mit dem Fahrrad am Stausee in Obermaubach. „Viele Eltern fahren nicht weg, die Schulen machen immer weniger Ausflüge und Klassenfahrten – wo haben die Jugendlichen denn noch die Möglichkeit, das zu erleben?“, fragt er.

Elmar Decker, Leiter des Dürener Roncalli-Hauses, verabschiedet sich nach 36 Jahren in der Offenen Jugendarbeit.

Auch wenn es Phasen gab, in denen er durchaus Zweifel hatte, habe er den Beruf immer gerne ausgeübt. Ihn gelebt. „Auf meinen Abschiedsbrief habe ich viele Rückmeldungen bekommen. Ich war völlig begeistert, wie viel Positives da kam. Das war mir nicht klar. Ich habe mich oft gefragt, ob ich überhaupt etwas bewirke, ob meine Arbeit sinnvoll ist“, räumt er ein, auch mal Durststrecken erlebt zu haben. Diese Rückmeldungen hätten ihn innerlich stark bewegt, seien eine Wertschätzung, die manchmal offenbar ein paar Jahre brauche, um spruchreif zu sein.

Eine der größten Herausforderungen sei es, als Hauptamtlicher wieder alleine im Haus zu sein: „Du hast extrem viele Probleme, die du allein nicht lösen kannst.“ Das Konzept der Offenen Jugendarbeit sei nach wie vor sinnvoll, es müsse nur an die Bedingungen angepasst werden. „Wir brauchen an allen Stellen mehr Personal für die Arbeit mit Jugendlichen. Im Moment haben wir sehr viele Haushalte, wo die Eltern komplett überfordert sind. Dieser Anteil steigt weiter“, sagt er. Umso wichtiger (und erfreulicher) sei es, dass für seine Stelle bereits eine Nachfolgerin gefunden wurde und es keine Vakanz gibt. „Ich werde alles vernünftig übergeben und mich dann raushalten. Ich habe das 36 Jahre gemacht – jetzt ist es auch genug“, findet Elmar Decker.

Damals wie heute waren Sport und Musik ein Ausgleich zur Arbeit. Langweilig werden dürfte es also im Ruhestand nicht. Seit 1992 beispielsweise begleitet er in der JVA Aachen Gottesdienste ehrenamtlich an der Orgel, auch im Aachener Klinikum ist er oft in der Kapelle zu hören. Aber erst einmal steht noch eine Fahrradtour mit Jugendlichen an. Die letzte Dienstreise sozusagen.