Warum darf Madagaskar seinen eigenen Glimmer nicht vor Ort verarbeiten? – Die Hintergründe eines wirtschaftlichen Missverhältnisses
Wussten Sie, dass Madagaskar schätzungsweise 25 bis 35 % der weltweiten Rohglimmer-Exporte (Mehr als 97 % der madagassischen Rohglimmer-Exporte gingen 2023 nach China) liefert und damit beim Roh-Phlogopit (der Glimmer liegt noch in seiner ursprünglichen Rohstein- bzw. Kristallform vor) weltweit eine führende Position einnimmt? Und trotzdem bleibt vom eigentlichen Wert dieses strategisch wichtigen Rohstoffs nur ein Bruchteil im Land. Glimmer ist für moderne Technologien und die Energiewende von großer Bedeutung – unter anderem für Batterien, Elektronik und Hochspannungsisolierungen. Doch wo entsteht der große Teil der Wertschöpfung? Produziert wird dieser Phlogopit vor allem durch artisanale und kleinmaßstäbliche Bergwerke im Süden (was vor allem über 10.000 Kinder einschließt).
Ein bemerkenswerter Preisunterschied: Eine Tonne Rohglimmer, die aus Tolagnaro (und dem Hafen Ehoala) nach China exportiert wird, bringt – so nennen es US-Quellen - offenbar nur etwa 300 bis 350 US-Dollar ein – und das Material wird dabei häufig als sogenanntes „Tout-venant“ exportiert, also vermischt mit Gestein, Erde und anderen Verunreinigungen.
Zum Vergleich: Rohglimmer aus Indien oder Nigeria: etwa 850 bis 1.200 US-Dollar pro Tonne, weil das Material dort zumindest vor Ort sortiert und gereinigt wird. Verarbeitete Glimmerprodukte, beispielsweise Mikanit-Isolierplatten, bringen gar 3.000 bis über 8.000 US-Dollar pro Tonne. Die entscheidende Frage lautet daher: Warum wird die erste Verarbeitung nicht stärker in Madagaskar selbst vorgenommen?
Wer profitiert davon, wenn Madagaskar unverarbeitet exportiert?
Nach den hier dargestellten Angaben gehen mehr als 97 % des im Süden Madagaskars gewonnenen Glimmers direkt nach China. Madagaskar exportierte 115.010 Tonnen Rohglimmer bzw. gespaltenen Glimmer im Wert von rund 30,5 Mio. US-Dollar. Davon gingen 112.603 Tonnen bzw. rund 97,9 % nach China.
Solange das Material nahezu unverarbeitet das Land verlässt, bleibt die madagassische Seite am unteren Ende der Wertschöpfungskette. Eine lokale Infrastruktur für Reinigung, Sortierung, Klassifizierung und erste Verarbeitung könnte dies verändern. Denn sauberes und standardisiertes Material könnte von madagassischen Unternehmen auch an andere internationale Abnehmer verkauft werden – beispielsweise in Japan, Europa oder den USA. Damit würde der Wettbewerb um den Rohstoff zunehmen und die Abhängigkeit von wenigen Abnehmern sinken.
Die eigentliche Frage ist also die Wertschöpfung
Warum soll Madagaskar seinen Rohstoff für wenige hundert Dollar pro Tonne exportieren, wenn daraus nach der Verarbeitung Produkte entstehen, die ein Vielfaches wert sind? Solange der Glimmer den Süden Madagaskars in großen Säcken verlässt, ungewaschen, unsortiert und nicht klassifiziert, wird ein erheblicher Teil der Wertschöpfung außerhalb des Landes erzielt. Es bedeutet auch verlorene Arbeitsplätze, weniger lokale Unternehmen, weniger Know-how und weniger industrielle Entwicklung.
Madagaskar besitzt den Rohstoff: Aber China besitzt die Wertschöpfung?
Zivilgesellschaftliche Akteure stellen die Frage: Warum sollte ein Land mit solch bedeutenden natürlichen Ressourcen dauerhaft nur Rohstoffe exportieren, während andere Länder die eigentliche Verarbeitung, die Arbeitsplätze und den größten Teil der Wertschöpfung übernehmen? Madagaskar braucht nicht nur Rohstoffexporte. Madagaskar braucht lokale Verarbeitung, lokale Wertschöpfung und lokale Arbeitsplätze. Solange der madagassische Glimmer den Süden in großen Säcken verlässt, ohne in seinem Ursprungsland gewaschen oder klassifiziert worden zu sein, wird Madagaskar seine Bodenschätze zu einem Spottpreis anbieten. Gleichzeitig werden die Fabriken in Asien/China auf dem Weltmarkt den 10- bis 15-fachen Wert daraus erzielen.
Das RMI-Netzwerk stellt zurecht fest: Da die Sammlung von Glimmern weitgehend informell bleibt, werden die meisten Mengen zu einem niedrigen Wert exportiert, was den wirtschaftlichen Nutzen für die lokalen Gemeinschaften begrenzt und das Risiko von Menschenrechtsverletzungen erhöht. Das Netzwerk benennt insbesondere die schlechte Governance im Bergbausektor und das Fehlen einer Lizenz für den Bergbau seit 2011
Quellen: U.S. Geological Survey (USGS) – Madagascar / World Bank - UN Comtrade / SOMO - Terre des Hommes – Netzwerk RMI
